Sinnsuche heute ist wie die Qual der Wahl in einem Supermarkt. Wir wählen Optionen inmitten des Überflusses. Dabei gleicht unsere Entscheidungsfreiheit der weihevoll angereicherten Luft des Religiosen. – Sei du selbst, so dass die Welt noch produktiver wird!
Damit die Welt nicht endgültig an ihrer Expansion zugrunde geht, bräuchte es eine mataphysische Gegenkraft, die Hingabe und Demut lehrt.
Die neuen Despoten unserer Welt haben diesen Mangel längst erkannt. – Nur leider sind sie Gott zuvorgekommen.
Wir leben in Wechelwirkung zu einer wirksamen Struktur, die von der sichtbaren Welt überlagert wird. Akzeptieren wir die materielle Welt als die einzig wahre, entgeht uns ein Zugang zur Welt, weil für die unbewusste Wirkung dieser strukturierten Schicht auf unser Denken, Fühlen und Sein keine Worte gefunden werden können.
Philosophie und Religion haben unterschiedliche Konzepte dieser Wirksamkeit im Sein entwickelt. In der Alltagssprache sagen wir oft, dass ein Ort eine bestimmte Atmosphäre habe – etwas, das auf unser Befinden wirkt, ohne dass wir eine konkrete Ursache dafür benennen können.
Unabhängig davon, ob wir diesen subkutanen Bereich des Seins wahrnehmen wollen oder nicht, schlägt sich diese atmosphärische Schicht in unserem Handeln nieder. Menschliches Handeln wird zur Folge einer unbewussten Kraft.
Dabei scheint es, als suche diese atmosphärische Schicht nach Ausgleich. Wenn man genau hinsieht, erkennt man ein fragmentiertes Bild. – So wie die reale Welt nie vollkommen ist und kein harmonisches Ganzes bildet, ist die atmosphärische Schicht einem Flickenteppich ähnlich, dessen Muster ungleichmäßig, unterbrochen oder gar zerstört sein können.
Es übersteigt unserem Vermögen, den Sinn dieser Schicht zu bestimmen. Jedoch kann unser Sensorium zu einem Gradmesser für die Intensität ihrer Kräfte werden und erkennen lassen, dass die Schicht nach Ausgleich strebt. So wie eine Eruption Material nachzieht, hat auch die Schicht eine Sogwirkung. – Individuelle Ausprägungen, Muster oder Defizite finden passende Individuen, die in Muster oder Strukturen der Schicht hineingezogen werden.
Die Schicht ist ein Interaktionsmerkmal der Welt, eine Art Leinwand unserer Möglichkeiten, die beschrieben und verändert werden kann.
Die Schicht ist aber nicht das Unbewusste, sondern ihre Wirkung ist unbewusst. Paradoxerweise nimmt mit zunehmendem Selbstbehauptungswillen des bewussten Ichs diese Wirkung zu – ganz so, als würde ein mit hochgerecktem Haupt wandelndes Ich nicht merken, auf welchem Boden es geht.
Wir können aber ein untrügliches Gefühl bei der Wahl der atmosphärischen Schicht ausbilden. Kinder haben dieses Gefühl von Natur aus. Sie meiden jede unangenehme Atmosphäre – jene Bereiche der zerstörten Schicht, die das Ergebnis negativer Handlungen sind. Für sie ist mit Händen greifbar, was Erwachsne trotzig und selbstgewiss übergehen.
Noch lange danach können Kinder ein Unglück wahrnehmen, das, längst vollendet, noch anzudauern scheint, weil eine Lücke in den Weltbezug gerissen wurde, die nach Ausgleich und Harmonisierung strebt.
Wir können nie vollständig über das Leben nachdenken, so sehr wir uns auch mit „einem Bein ins Jenseits stellen“ wie E. M. Cioran (1911–1995) sagt. Etwas zwingt uns, uns daran zu erinnern, dass wir nicht unsterblich sind und überleben müssen.
Jedes Kind weiß um diesen Umstand, wenn es vor einer Hürde steht und nicht springt, sondern mit großen Augen aufblickt, als wollte es fragen, warum.
Kein Weltreich, kein gesellschaftlich umspannendes System kann verhindert, was wir im Wesentlichen sind. – Als Punkt sind wir geschaffen. Nichts als dieser Ausgang, von dem aus jede menschliche Regung erklärbar wird, sind wir.
Je nach Betrachtungsweise verhält es sich mit der Größe des Punktes. Er scheint sich aufzulösen und Teil eines größeren Ganzen zu sein. So lebt es sich in der größtmöglichen Reduktion auf kleinstem Raum. Darüber hinaus muss ein Punkt erreicht werden – als Standpunkt, Beginn oder Endpunkt in zeitlicher Dimension.
Niemand kann ohne diesen Punkt leben – niemandem ist ein Leben im unendlichen Fließen möglich. Allein, dass wir nicht nur einen Körper haben, sondern Körper sind, zeigt, dass wir auf einen Punkt oder Kern hin existieren.
Dem entgegen gibt es in diesem punktförmigen Dasein keine Totalität. Denn zu einem Punkt werden wir aus der Bewegung. Den Grund für die kosmologische Schöpfung eines jeden Punktes kennen wir nicht. Was wir kennen, ist das materielle Gegenstück eines jeden schöpferischen Auswurfs der natürlichen Welt. Zugleich kennen wir die Gegenbewegung – also den Zerfall des Lebens mit Ziel auf den Tod. Dies ist ein Hinweis auf die Vollkommenheit zyklischer Bewegungen.
Doch zugleich täuscht uns unsere punktartige Existenz. Die Bewegungen sind zu langsam, um als solche wahrgenommen zu werden. Statt Bewegung sehen wir feste Zustände – wie Henri Bergson (1859–1941) klar gesehen hat.
Jeder Punkt ist Sprache und strebt nach Bewegung. – Es gibt Veränderungen. Jedoch ist uns eine totale Veränderung nicht möglich. Wir können einen Standpunkt suchen, jedoch kaum unser Dasein aufheben, um entweder einen göttlichen, weil absoluten, Blickwinkel einzunehmen oder in vollkommener Bewegung aufzugehen.
Ein absoluter Blickwinkel bedeutet vollkommene Erkenntnis. Reine Bewegung bedeutet vollkommene Verbindung, die nicht erkannt werden kann.