Lebenszeit

Essais und Fragmente zu Zeit- und Lebensfragen

Sinn II

Bisweilen kann uns die Vergeblichkeit einer Aufgabe oder das Leben selbst an den Punkt gebracht haben, wo nichts tröstet.

Arbeit, wenn sie nicht zur Schönheit führt, macht uns die Illusion bewusst, dass keine Veränderung der Welt unseren Grundkonflikt aufheben kann, welcher darin besteht, dass wir unsere Existenz als fragwürdig und verworfen empfinden müssen.

Dieses Bewusstsein ist unterschiedlich stark ausgeprägt. Alles Menschliche ist nichts als eine Form, diesem Bewusstsein des Nichts zu begegnen, um dem Dasein einen Sinn zu geben. Die Fülle der Welt ist nichts als ein zum Schein geratener Ausdruck, ohne dass eine Frage gestellt, empfunden oder gar schon beantwortet wurde. Ein leerer Raum ist darum oft sprechender als das Sammelsorium unserer Vorstellungen und Wünsche.

Bedeutsamkeit beginnt oft erst damit, sich dieser Nichtigkeit bewusst zu werden, weil hier die persönliche Schöpferkraft des Geistes beginnt. Ich stelle mir nichts vor und weiß von einer Leere, die allein Gott ausfüllen kann. Doch Welt und Gott, das sind unterschiedliche Dinge. In der Welt gelten immer nur die Gesetze des Glaubens, nie der Erfüllung. Darum können wir auch von Illusionen sprechen – etwas, das den Glauben verkürzt, indem er diesen paradoxerweise zu erfüllen scheint und gleichzeitig zum Erliegen bringt.

Doch echter Glaube ist eine überbrückende Kraft – ein Vektor und nicht der Punkt, auf den er zielt. Ob die Brücke hält, erkennt man, nach dem man sie passiert hat. Trotzdem lässt sich kaum darauf verzichten, Brücken zu bauen.

Jenseits der Illusion können wir uns erinnern. Und dafür genügt wenig. Denn Sinn ist nicht der große Paukenschlag oder ein revolutionäres Programm, sondern wie ein sanfter, oft ganz unscheinbarer Hinweis darauf, dass Sinn und Welt kohärent zu sein scheinen. Beides existiert im strengen Sinne nicht, solange beides nicht von uns erkannt wird. Sinn zu erkennen ist uns wie der Beweis, dass etwas von außerhalb zu uns spricht und aufzufordern scheint, wahrhaftig zu leben.

Somit ist das Verhältnis zwischen Mensch und Welt ein fragiles Gebilde – ihr Sinn ist von uns genauso abhängig wie der Zustand der Welt von uns.